BF vom 22. Feber 1984: "Fünfundzwanzig Jahre Heimat"- Bericht über das Buch und das Leben von Robert Unger, Großonkel der Brüder Bertie, Mario und Geri Unger

BF vom 22. Feber 1984: "Fünfundzwanzig Jahre Heimat"- Bericht über das Buch und das Leben von Robert Unger, Großonkel der Brüder Bertie, Mario und Geri Unger

Die Zeitung schreibt: „In diesem Moment kam Dorfrichter Enzenberger auf uns zu und sagte, er komme soeben vom Schloß, wo er mit dem Grafen Erödy eine Besprechung über Gemeindeangelegenheiten hatte, währenddessen ein Telegramm einlangte mit der Nachricht, daß am Nachmittag Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin in Sarajevo bei einer Parade erschossen wurden. Starr vor Entsetzen, mit offenen Mäulern, blickten wir auf den Redner. Tausz war der erste, dessen Zunge sich löste, indem er sagte: Gott verdammt, dies heißt Krieg.“ - Dies trug sich am Sonntag, dem 28. Juni 1914, im Gasthaus Holzer in Kohfidisch zu und ist einem Buch entnommen, das Robert Unger 1982 in Chicago unter dem Titel „Fünfundzwanzig Jahre Heimat“ herausgegeben hat. - Robert Unger, der heute noch in Chicago im Alter von 87 Jahren lebt, wurde am 12. Jänner 1897 in Neumarkt im Tauchental geboren, übersiedelte später mit seinen Eltern (der Vater war Schneidermeister und betrieb auch eine Gemischtwarenhandlung) nach Kohfidisch und wanderte im Alter von 25 Jahren am 10. März 1922 nach Amerika aus. - Was dieser junge Mann in diesem Vierteljahrhundert - Kinderjahre mit eingerechnet – alles erlebt hat, füllte ein 300 Seiten starkes Buch und ist wohl auch mit der bewegten Geschichte der ersten beiden Jahrzehnte des neuen Jahrhunderts zu erklären. - Daß Robert Unger diese erlebte Geschichte zu Papier brachte, war ein lobenswertes Unterfangen und verdient mit besonderer Dankbarkeit hervorgehoben zu werden. - Das Buch „Fünfundzwanzig Jahre Heimat“ ist für den Historiker eine wahre Fundgrube, weil es eine Unmenge von Details enthält und weil der Autor mit besonders offenen Augen durch die Welt geschritten ist und durch seinen Intellekt der jeweiligen Situation seinen Stempel aufdrücken konnte. Robert Unger blendet in eine Zeit zurück, die die meisten Menschen heute nicht mehr aus eigener Wahrnehmung kennen, die aber auch im Geschichtsunterricht nicht übermäßig ausführlich behandelt wird. Von Robert Unger werden wir in seine Jugendzeit zurückversetzt, in der im heutigen Burgenland die Kinder in die sechsjährige Volksschule gingen und anschließend drei Jahre lang am Sonntagnachmittag die Schulbank drücken mußten. Auch die Berufsschule (Abendschule für Gewerbe und Handel) mußten die Lehrlinge einmal in der Woche am Abend sowie am Sonntag besuchen. - Robert Unger trat bereits im Jahre 1911 in Wieselburg in die Schlosserlehre ein, erlebte nach 21 Monaten Lehrzeit den finanziellen Zusammenbruch des Lehrbetriebs und fing in Steinamanger in einem anderen Beruf noch einmal von vorne an. Allerdings setzte der aufgeweckte Bursche aus Kohfidisch seine Kaufmannsausbildung in Ödenburg fort und wurde von dieser Stadt auch zum Militär einberufen. Nach einem 35 Monate dauernden Frontdienst schlug sich Robert Unger zu Kriegsende aus Italien in die Heimat durch. Die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse – es gab keine Arbeit - ließen Robert Unger wieder den Soldatenrock anziehen: Er diente in der Ära Bela Kun in der Roten Armee Ungarns. Aus dieser Zeit berichtet Robert Unger in seinem Buch von Graf Thomas Erdödy aus Rotenturm, der unter einem Decknamen mit einem Bruder der Kaiserin Zita in der Schweiz über einen Sonderfrieden zwischen Österreich-Ungarn und den Entente-Mächten verhandelte. Als Kaiser Karl den Thron bestieg, ernannte er den Grafen aus Rotenturm zum Hauptmann der Burggendarmerie. Und es war Graf Erdödy, der nach dem Zusammenbruch der Monarchie Exkaiser Karl 1920 in seinem Haus in Wien unterbrachte, als dieser unter einem bürgerlichen Namen aus der Schweiz nach Österreich kam. Am nächsten Tag brachte Graf Erdödy den Exkaiser über die Grenze nach Ungarn, wo dieser bekanntlich wieder Fuß fassen wollte. - Robert Unger erlebte natürlich auch den schwierigen Anschluß Deutschwestungarns an Österreich mit, schildert, wie sein Vater und dessen Freund Tausz in Szombathely sechs Monate inhaftiert wurden, berichtet über die Übergriffe der ungarischen Freischärler (Kreisnotar Ilasky aus St. Michael wurde nach Kohfidisch gebracht, verhört und beim Abtransport bei Kotezicken erschossen; Schlossermeister Schalk aus Güssing, er war der Schwager von Dr. Karl Renner, ereilte im Stammgasthaus der Tod; angeblich wurde Gift in seinen Wein gemischt) und flüchtete selbst am 30. Jänner 1920 bei Sinnersdorf nach Österreich, weil die Machthaber der Horthy-Regierung die Fühler auch nach ihm ausstreckten. - In Wien schloß sich Robert Unger auf Anraten seines Onkels dem „Sozialdemokratischen Verein der Deutschwestungarn“ an und zählte bald darauf zu den führenden Mitgliedern. Obmann war Josef Baliko aus Jabing, weitere Spitzenfunktionäre Alois Müller aus Tobaj, Stefan Breithofer aus Eisenstadt, Michael Philipp aus Großpetersdorf und Alois Weschits aus Rechnitz. - Schon besser organisiert waren zu diesem Zeitpunkt die Sozialdemokraten Deutschwestungarns in Wiener Neustadt, Berndorf und im Triestingtal. Obmann war der aus Ödenburg stammende Schuhmachermeister Fiala. Alois Wessely, von Beruf Maurer und Mitglied der niederösterreichischen Partei, spielte während dieser Zeit eine erhebliche Rolle, schreibt Robert Unger. Robert Unger berichtet auch von gemeinsamen Konferenzen in Wiener Neustadt, an denen auch schon Ludwig Leser teilnahm, der sich zu dieser Zeit in Baden aufhielt. Es waren stürmische Sitzungen, bei denen für die neue burgenländische Organisation ein von der tschechoslowakischen Regierung ausgewiesener Mann, namens Winkler, als Parteisekretär vorgesehen war. Alois Müller und Robert Unger opponierten aber gegen diese Idee und schlugen für diesen Posten Ludwig Leser vor. - Bei dieser Sitzung im Juni 1921 wurde auch schon über die Notwendigkeit einer Landesparteizeitung diskutiert. Obwohl die Finanzierung noch lange nicht gesichert war, gab man dem noch nicht geborenen Kücklein schon einen Namen: „Burgenländische Freiheit“. An diesem Sonntag im Juni 1921 wurde der Grundstein der Sozialdemokratischen Partei des Burgenlandes gelegt, berichtet Unger. - Obwohl Robert Unger zweifellos seinen Weg nach dem Anschluß des Burgenlandes in seiner Heimat gemacht hätte, entschloß er sich doch zur Auswanderung nach Amerika, weil die wirtschaftliche Lage weder in Wien und schon gar nicht im Burgenland verheißungsvoll war. (Vorher mußte er aber noch seine Freundin Maria, die in Wien als Mörtelträgerin gearbeitet hatte, und deren Eltern in Litzelsdorf, umstimmen.) Verwandte in Chikago ermöglichten und finanzierten die Ausreise. Und so bestieg Robert Unger mit vielen Landsleuten am 23. März 1922 in Hamburg das Schiff, um am 6. April bei der Freiheitsstatue in New York an Land zu gehen. In Chikago scheute der Südburgenländer keine Arbeit, erwarb 1932 ein Fleisch- und Kolonialwarengeschäft und baute sich eine gesicherte Existenz auf. - Doch die alte Heimat, die er erst 43 Jahre später wiedersah, vergaß Robert Unger nicht. - // - Zuerst hat Robert Unger, der 1922 das Südburgenland verließ und erst nach 43 Jahren in seine alte Heimat auf kurze Zeit zurückkehrte, seine reichen Lebenserinnerungen in Chicago in englischer Sprache herausgegeben. Als Landeshauptmann Theodor Kery im Mai 1982 die Burgenländer in Amerika besuchte, überreichte Robert Unger dem Repräsentanten seiner alten Heimat dieses Buch, Darin wird übrigens auch über eine mit dem Landeshauptmannstellvertreter Alois Wessely in dessen Haus in Eisenstadt berichtet. Unger und Wessely tauschten dabei Erinnerungen aus den Jahren 1920 bis 1922 aus und plauderten über die Rolle der burgenländischen Sozialdemokraten bei der Entstehung des neuen österreichischen Bundeslandes".

JAHR DER ENTSTEHUNG

1984

ANGABEN ZUR HERKUNFT DES BILDES

Hochgeladen von: Tillfried SCHOBER

Herkunft des Bildes: © ÖNB – ANNO: Historische österreichische Zeitschriften und Zeitungen

Kommentare

Sie haben eine Frage zu dem Bild oder möchten einen Kommentar dazu abgeben? Registrieren Sie sich bitte mit Namen und Email-Adresse bzw. melden Sie sich unter LOGIN an, wenn Sie schon registriert sind.

REGISTRIEREN oben